“Heute abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen Umweg belohnt.”
Johann Wolfgang von Goethe, Torbole, 12. September 1786

Am 3. September 1786, in aller Heimlichkeit und ohne Abschied von seinen Freunden zu nehmen, brach Johann Wolfgang von Goethe – damals 37 Jahre alt, bereits berühmt als Autor des “Werther” und Minister am Weimarer Hof – zu einer Reise auf, die sein Leben und sein Werk grundlegend verändern sollte: die Italienreise. Fast zwei Jahre lang durchstreifte er Italien, von den Alpen bis Sizilien, auf der Suche nach Inspiration, Erneuerung und dem Land seiner Sehnsüchte. Der Gardasee war eine seiner ersten Stationen auf dieser legendären Reise – und der Aufenthalt dort, besonders das kleine Abenteuer in Malcesine, wurde zu einer der bekanntesten Episoden seiner “Italienischen Reise”, jenem Werk, das Generationen von Bildungsreisenden nach Italien lockte und den Gardasee zum Sehn suchtsort der Deutschen machte.

Dieser literarische Reiseführer folgt Goethes Spuren am Gardasee, zitiert aus seinen Tagebüchern und Briefen, erklärt die historischen und biographischen Hintergründe seiner Reise und zeigt Ihnen die Orte, die der Dichter besuchte und die heute noch Zeugnis ablegen von jenem magischen Moment im September 1786, als Goethe zum ersten Mal den “Hauch des Südens” spürte und ausrief: “Auch ich in Arkadien!”

Die Flucht aus Weimar – Warum Goethe nach Italien musste

Um zu verstehen, warum Goethe 1786 heimlich und fast überstürzt nach Italien aufbrach, muss man seine Situation in Weimar verstehen. 1775 war er, gerade 26 Jahre alt und durch den sensationellen Erfolg seines Romans “Die Leiden des jungen Werthers” europaweit berühmt, nach Weimar gekommen – auf Einladung des jungen Herzogs Carl August. Was als kurzer Besuch gedacht war, wurde zu einem zehnjährigen Aufenthalt. Goethe stieg rasch zum einflussreichsten Berater des Herzogs auf und übernahm Ministerposten: zunächst für Bergbau, später für Finanzen, Kriegswesen und Wegebau. Er reformierte, verwaltete, verhandelte – und verlor dabei fast vollständig seine dichterische Produktivität.

Die Arbeit war zermürbend, die Erfolge bescheiden. Seine literarischen Projekte – “Wilhelm Meisters theatralische Sendung”, “Torquato Tasso”, “Egmont”, “Iphigenie auf Tauris”, “Faust” – lagen unvollendet in seinen Schubladen. Als 1786 sein Verleger Göschen ihm das Angebot einer Gesamtausgabe seiner Werke machte, wurde Goethe schockartig klar, dass er in den letzten zehn Jahren kaum etwas Neues geschrieben hatte. Die Krise war da – und die Lösung musste eine radikale sein.

Hinzu kam die komplizierte Beziehung zu Charlotte von Stein, der verheirateten Hofdame, in die Goethe seit Jahren unglücklich verliebt war. Die Beziehung war platonisch, voller unerfüllter Sehnsucht und zunehmend belastend. Goethe fühlte sich gefangen – im Amt, in Weimar, in einer unmöglichen Liebe. Italien sollte die Flucht sein – eine Flucht nach vorn, in die Freiheit, in die Kunst, ins Leben.

Am 3. September 1786, früh am Morgen, bestieg er in Karlsbad (wo er zur Kur weilte) eine Postkutsche und verschwand. Nur sein Sekretär Philipp Seidel wusste Bescheid. An den Herzog hatte er tags zuvor einen Brief geschrieben, in dem er um unbefristeten Urlaub bat – ohne das Reiseziel zu nennen. Goethe reiste inkognito, unter dem Pseudonym “Johann Philipp Möller”, als “deutscher Maler”. Seine Ämter ruhten, sein Gehalt lief weiter. Die Reise konnte beginnen.

Die Reiseroute – Über den Brenner zum Gardasee

Goethes Route führte von Karlsbad über Eger, Regensburg und München an den Rand der Alpen. Bei Mittenwald überquerte er am 8. September die Grenze und betrat zum ersten Mal italienischen Boden – oder genauer: die Grafschaft Tirol, die damals zu Österreich gehörte. Der Abstieg vom Brenner nach Bozen war für Goethe ein Erlebnis von fast mythischer Qualität. Mit jedem Meter, den er hinabstieg, wurde es wärmer, heller, südlicher. Die Vegetation änderte sich: Tannen wichen Laubbäumen, Wiesen wurden zu Weinbergen. In seinen Tagebüchern notierte er begeistert jeden neuen Baum, jede fremde Pflanze, die ihm begegnete.

“Ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen […] Und doch war schon der Weg dorthin eine Offenbarung.”
— Johann Wolfgang von Goethe

In Bozen (9. September) sah er zum ersten Mal Weinreben, die an Spalieren wuchsen, und staunte über die fremdartige, südliche Architektur. In Trient (10. September) bewunderte er die Fresken an den Hausfassaden und kaufte sich Feigen – eine Frucht, die er bis dahin nur aus Beschreibungen kannte. Mit jedem Kilometer wuchs seine Begeisterung. Und dann, am Abend des 11. September, kam er nach Rovereto und erfuhr, dass nur wenige Stunden entfernt der Gardasee liege – jener legendäre See, von dem er seit seiner Kindheit gehört hatte.

Er hätte direkt nach Verona weiterfahren können, wo er ohnehin hinwollte. Aber die Versuchung war zu groß. Ein kleiner Umweg, dachte er – und dieser Umweg sollte zu einem der Höhepunkte seiner Reise werden.

Torbole – Das Tor zum Süden (12. September 1786)

Am Nachmittag des 12. September 1786 kam Goethe nach Torbole, einem kleinen Fischerdorf am nördlichen Ende des Gardasees. Was er sah, übertraf alle seine Erwartungen.

“Torbole, den 12. September, nach Tische. Wie sehr wünschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, daß sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt! Heute abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen Umweg belohnt.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Torbole lag wie ein Amphitheater zwischen steilen Felsen und dem blauen Wasser des Sees. Die Luft war warm und trocken, der Himmel von einem Blau, wie er es nördlich der Alpen nie gesehen hatte. Und überall – auf den Hängen, an den Straßenrändern, in den Gärten – wuchsen Pflanzen, die ihm fremd und wunderbar erschienen: Feigenbäume mit ihren großen, gelappten Blättern und süßen Früchten. Olivenbäume mit ihren silbrig-grünen Blättern und knorrigen Stämmen. Oleanderbüsche in voller Blüte. Zypressen, die wie dunkle Flammen in den Himmel ragten.

“Die Feigenbäume hatten mich schon den Weg herauf häufig begleitet, und indem ich in das Felsamphitheater hinabstieg, fand ich die ersten Ölbäume voller Oliven.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Für Goethe, der aus dem grauen, kühlen Weimar kam, war dies eine Offenbarung. Hier begann der Süden, hier begann Italien – das Italien seiner Träume, das Italien der Antike, das Italien, nach dem er sich sein ganzes Leben gesehnt hatte. “Auch ich in Arkadien!” – dieser berühmte Ausruf, den er später prägen sollte, meinte genau dieses Gefühl: endlich angekommen zu sein, endlich zu Hause zu sein in einem Land, das er nie zuvor gesehen hatte, das ihm aber vertrauter vorkam als seine eigene Heimat.

Goethe verbrachte den Nachmittag damit, am Seeufer spazieren zu gehen, das Licht zu beobachten, die Berge zu zeichnen, die sich im Wasser spiegelten. Er aß Feigen und Oliven, trank lokalen Wein und fühlte sich zum ersten Mal seit Jahren lebendig, frei, glücklich. Abends saß er in einem einfachen Gasthaus, schrieb Tagebuch und plante den nächsten Tag: Er wollte mit dem Boot den See entlangfahren nach Verona. Eine Kutsche war zu teuer, zu Fuß zu weit – aber ein Boot, das wäre perfekt. Und so heuerte er zwei Ruderer an für den frühen Morgen.

Die Fahrt nach Süden – Limone und die Zitronengärten (13. September 1786)

Am 13. September, um drei Uhr morgens, bestieg Goethe das gemietete Boot. Die Nacht war noch dunkel, aber am östlichen Horizont kündigte sich bereits die Dämmerung an. Die beiden Ruderer setzten die Segel, und ein leichter Nordwind – der Vento, wie die Einheimischen ihn nannten – trieb das Boot südwärts über den stillen, glatten See.

“Heute früh um drei Uhr fuhr ich von Torbole weg mit zwei Ruderern. Anfangs war der Wind günstig, daß sie die Segel brauchen konnten. Der Morgen war herrlich, zwar wolkig, doch bei der Dämmerung still.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Als die Sonne aufging, lag der See wie flüssiges Gold vor ihm. Die Berge im Westen warfen lange Schatten über das Wasser. Fischer fuhren mit ihren kleinen Booten hinaus. Von den Ufern wehte der Duft von Oleander und wildem Rosmarin herüber. Goethe zückte sein Skizzenbuch und begann zu zeichnen – die Berge, die Dörfer, die Uferlinien.

Gegen Mittag kamen sie an Limone sul Garda vorbei. Was Goethe dort sah, faszinierte ihn so sehr, dass er es ausführlich in sein Tagebuch notierte: die berühmten Limonaie, die Zitronengärten, die terrassenförmig an den steilen Hängen angelegt waren.

“Wir fuhren bei Limone vorbei, dessen Berggärten, terrassenweise angelegt und mit Zitronenbäumen bepflanzt, ein reiches und reinliches Ansehn geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von weißen viereckigen Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen und stufenweis den Berg hinaufrücken. Über diese Pfeiler sind starke Stangen gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Bäume zu decken.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Diese Beschreibung der Limonaie ist eine der genauesten zeitgenössischen Darstellungen dieser einzigartigen Gartenbauform. Goethe erkannte sofort die technische Raffinesse: Die Steinsäulen trugen im Sommer nur die Bewässerungskanäle, im Winter aber wurden Holzbalken darüber gelegt, Bretter darauf genagelt und Glasscheiben montiert – so entstand ein temporäres Gewächshaus, das die empfindlichen Zitronenbäume vor Frost schützte. Dass hier, am 46. Breitengrad, Zitronen wuchsen – das schien ihm ein Wunder der Natur und der menschlichen Kunst zugleich.

Malcesine – Der Spionage-Verdacht (13.-14. September 1786)

Nach Limone sollte die Fahrt eigentlich geradewegs nach Süden weitergehen. Doch die Natur hatte andere Pläne. Gegen Mittag drehte der Wind – die berühmte Ora, der Südwind, der am Gardasee fast jeden Nachmittag von Süden nach Norden bläst, setzte ein. Das kleine Boot konnte gegen die Gewalt des Windes nicht anrudern. Die Ruderer waren gezwungen, in Malcesine anzulegen.

“Das Betrachten und Beschauen dieser angenehmen Gegenstände ward durch eine langsame Fahrt begünstigt, und so waren wir schon an Malcesine vorbei, als der Wind sich völlig umkehrte, seinen gewöhnlichen Tagweg nahm und nach Norden zog. Das Rudern half wenig gegen die übermächtige Gewalt, und so mußten wir im Hafen von Malcesine landen.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Malcesine war damals die Grenzstadt zwischen dem Habsburger Reich (zu dem Riva und Torbole gehörten) und der Republik Venedig. Die alte Scaligerburg thronte auf einem Felsen über der Stadt und diente als Befestigungsanlage. Goethe wusste, dass er venezianisches Gebiet betreten hatte – aber er machte sich keine Gedanken darüber. Er wollte nur die Zeit nutzen und die Burg zeichnen, die ihm ein “schöner Gegenstand” für eine Skizze schien.

Am nächsten Morgen, dem 14. September, ging er früh zur Burg, die ohne Wachen und Tore frei zugänglich war. Im Burghof setzte er sich auf eine steinerne Bank, holte sein Skizzenbuch heraus und begann, den alten Turm zu zeichnen. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er zunächst nicht bemerkte, wie sich Menschen um ihn versammelten – erst nur einige, dann immer mehr, schließlich eine ganze Menschenmenge.

“Ich saß nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein, betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich, blieb endlich stehen, so daß sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte wohl, daß mein Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich ließ mich aber nicht stören und fuhr ganz gelassen fort.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Plötzlich drängte sich ein Mann durch die Menge, ergriff Goethes Zeichenblatt und zerriss es. Er beschuldigte Goethe, ein Spion zu sein – ein österreichischer Spion, der im Auftrag Kaiser Josephs II. die venezianischen Befestigungen auskundschafte. Die Situation war ernst: Spionage wurde im 18. Jahrhundert mit dem Tode bestraft. Die Menge wurde unruhig, einige verlangten, Goethe solle verhaftet werden.

Goethe bewahrte Ruhe. Er erklärte (in gebrochenem Italienisch), dass er ein deutscher Maler sei, der nur die Schönheit der Burg festhalten wolle. Der örtliche Schreiber, Meister Gregorio, wurde geholt und verhörte Goethe. Dieser erzählte – in einem genialen Schachzug – Anekdoten aus Frankfurt, seiner Heimatstadt, und erwähnte dabei italienische Familien, die er kannte. Wie er diese Geschichten kannte, bleibt unklar (vielleicht erfand er sie), aber sie wirkten: Der Schreiber war beeindruckt von Goethes Bildung und Weltläufigkeit.

“Nun ist es verblüffend, wie Goethe offensichtlich mit sämtlichem Klatsch und Tratsch seiner fernen Vaterstadt vertraut ist […] und deren Fortsetzungen erzählen kann. Was den Angesprochenen stark beeindruckt und die lauschende Menge ebenso.”
— Aus zeitgenössischen Beschreibungen

Der Bürgermeister wurde informiert, Goethe durfte seine Verteidigung vortragen, und schließlich – nach Stunden des Bangens – wurde er freigelassen. Mehr noch: Die Einwohner von Malcesine, die nun verstanden hatten, dass sie einen berühmten Besucher in ihrer Mitte hatten, baten ihn, nach seiner Rückkehr nach Deutschland doch bitte die Schönheit Malcesines bekannt zu machen und damit Touristen anzulocken.

“Der Wirt, bei dem ich eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute sich schon auf die Fremden, welche auch ihm zuströmen würden, wenn die Vorzüge Malcesines erst recht ans Licht kämen.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Und genau das tat Goethe. Seine Schilderung des Abenteuers in der “Italienischen Reise” machte Malcesine berühmt. Der Ort wurde zu einem Wallfahrtsort für Goethe-Verehrer und Bildungsreisende. Heute erinnert eine Büste Goethes im Hafen an seinen Besuch, und in der Scaligerburg gibt es ein kleines Goethe-Museum mit einigen seiner Zeichnungen und Dokumenten.

Die Weiterfahrt – Bardolino und Verona (14. September 1786)

In der Nacht zum 14. September, gegen Mitternacht, als der Wind sich endlich gelegt hatte, bestiegen Goethe und seine Ruderer erneut das Boot und fuhren quer über den See ans Westufer. Von dort hatte Goethe einen weiten Blick über die beleuchteten Orte der gegenüberliegenden Seite.

“Da, wo an der Abendseite das Gebirge aufhört, steil zu sein, und die Landschaft flächer nach dem See fällt, liegen in einer Reihe, in einer Länge von ungefähr anderthalb Stunden, Gargnano, Boiacco, Cecina, Toscolan, Maderno, Verdom, Saló, alle auch wieder meist in die Länge gezogen. Keine Worte drücken die Anmut dieser so reich bewohnten Gegend aus.”
— Johann Wolfgang von Goethe

Am Morgen des 14. September kamen sie in Bardolino an. Dort verließ Goethe das Boot und setzte seine Reise über Land nach Verona fort. Der Gardasee lag hinter ihm – aber er hatte ihn geprägt. In seinen Briefen und Tagebüchern kehrte er immer wieder zu den Bildern und Eindrücken jener zwei Tage zurück: das Licht am Morgen, die Zitronenbäume von Limone, die Olivenhaine, die Weite des Sees, die Berge, die ins Wasser stürzten. Der Gardasee war für Goethe das “Tor zum Süden” geworden – der Moment, in dem die Reise wirklich begann.

Die Bedeutung der Italienreise für Goethe

Die Italienreise dauerte vom September 1786 bis Mai 1788 – fast zwei Jahre. Goethe besuchte Verona, Vicenza, Venedig (wo er mehrere Wochen blieb), Rom (wo er vier Monate wohnte), Neapel und Sizilien. Überall zeichnete er, studierte Architektur und antike Kunst, las klassische Autoren, ging ins Theater, knüpfte Freundschaften. Er lebte inkognito, als Maler, und genoss die Freiheit, nicht als Minister oder berühmter Dichter erkannt zu werden.

Die Reise veränderte ihn grundlegend. Er kehrte als anderer Mensch nach Weimar zurück: selbstbewusster, produktiver, gelassener. Die literarischen Fragmente, die er mitgenommen hatte, vollendete er in Italien: “Iphigenie auf Tauris” wurde in Rom zur endgültigen Fassung umgeschrieben, “Egmont” wurde beendet, “Torquato Tasso” nahm Gestalt an. Auch in seiner Kunstauffassung wandelte er sich: Weg vom Sturm und Drang, hin zur klassischen Klarheit und Harmonie. Italien lehrte ihn Maß, Form, Schönheit – die Ideale der Antike, die er sein Leben lang suchte.

Die “Italienische Reise”, die er Jahrzehnte später (1813-1817) aus seinen Tagebüchern und Briefen zusammenstellte, wurde zu einem der einflussreichsten Reisebücher der deutschen Literatur. Generationen von Bildungsreisenden folgten seinen Spuren, besuchten die Orte, die er beschrieben hatte, und suchten das, was er gefunden hatte: Schönheit, Klarheit, Heimat in der Fremde.

Auf Goethes Spuren am Gardasee – Heute

Wer heute Goethes Weg am Gardasee nachvollziehen möchte, kann dies auf beeindruckende Weise tun. Viele der Orte und Wege, die er beschrieb, existieren noch – und manche sind sogar als literarische Wanderwege ausgeschildert.

Der Goethe-Weg von Nago nach Torbole

Der Weg, den Goethe am 12. September 1786 von Nago nach Torbole ging, ist heute ein ausgeschilderter Wanderweg – der sogenannte Sentiero di Goethe oder Goethe-Weg. Die Route führt über die historische Strada di Santa Lucia, eine mittelalterliche Straße, die einst die einzige Verbindung zwischen dem Etschtal und dem Gardasee war. Der Weg führt durch Olivenhaine, über Felsvorsprünge mit spektakulären Ausblicken auf den See und durch kleine Dörfer. Informationstafeln entlang des Weges zitieren aus Goethes Tagebüchern und erklären die historischen Zusammenhänge. Die Wanderung dauert etwa zwei Stunden und endet am Hafen von Torbole, wo eine Bronzebüste Goethes an seinen Besuch erinnert.

Das Goethe-Museum in der Scaligerburg Malcesine

In der Scaligerburg von Malcesine, wo Goethe verhaftet werden sollte, befindet sich heute ein kleines, aber feines Goethe-Museum. Es zeigt einige seiner Originalzeichnungen vom Gardasee, Ausgaben der “Italienischen Reise” in verschiedenen Sprachen, zeitgenössische Karten und Stiche und dokumentiert die Episode des Spionage-Verdachts. Vom Burghof aus – genau dort, wo Goethe saß – hat man denselben Blick auf den See wie vor über 230 Jahren. Die Atmosphäre ist noch immer magisch.

Die Limonaie von Limone

Die Zitronengärten, die Goethe beschrieb, existieren heute fast nicht mehr – aber zwei sind als Museen erhalten und zugänglich: die Limonaia del Castèl in Limone sul Garda und die Limonaia La Malora in Gargnano. Beide zeigen die historische Zitronenkultur und sind beeindruckende Beispiele für die Verbindung von Natur, Technik und menschlicher Arbeit, die Goethe so faszinierte.

Goethes Vermächtnis – Der erste Influencer

Man könnte Goethe, halb scherzhaft, als den ersten “Influencer” am Gardasee bezeichnen. Seine Beschreibungen in der “Italienischen Reise” machten den See in Deutschland bekannt und lösten eine Welle des Tourismus aus, die bis heute anhält. Nach Goethe kamen hunderte bedeutende Persönlichkeiten an den See: Künstler wie Gustav Klimt, der Malcesine malte, Schriftsteller wie Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, James Joyce und D.H. Lawrence, Komponisten wie Richard Wagner, Politiker wie Winston Churchill, der 1949 in Gardone malte. Sie alle folgten, bewusst oder unbewusst, Goethes Spuren.

Aber Goethes Einfluss geht über den Tourismus hinaus. Seine Art zu reisen – mit offenen Augen, neugierig, lernbegierig, ohne Vorurteile, bereit, sich verwandeln zu lassen – wurde zum Vorbild für die Bildungsreise, die Grand Tour, die für das gebildete Bürgertum des 19. Jahrhunderts zum Ideal wurde. Reisen war nicht mehr nur Fortbewegung von A nach B, sondern Selbsterfahrung, Horizonterweiterung, innere Wandlung. Goethes “Auch ich in Arkadien” wurde zum Motto einer ganzen Epoche.

Fazit – Der Gardasee als Sehnsuchtsort

Der Gardasee, den Goethe im September 1786 als “herrliche Naturwirkung” und “köstliches Schauspiel” beschrieb, hat seine Magie nicht verloren. Wer heute dorthin fährt und sich Zeit nimmt – Zeit zum Schauen, zum Wandern, zum Innehalten –, kann etwas von dem nachempfinden, was Goethe empfand: dieses Gefühl, angekommen zu sein, das Gefühl von Schönheit und Harmonie, das Gefühl, dass hier, zwischen Bergen und Wasser, Norden und Süden, Alpen und Mittelmeer, ein besonderer Ort ist, ein Ort der Sehnsucht, ein Ort, an dem man – wie Goethe – ausrufen möchte: “Auch ich in Arkadien!”

“Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.”
— Johann Wolfgang von Goethe, Mignon’s Lied aus “Wilhelm Meisters Lehrjahre”

Dieses berühmte Gedicht, das Goethe nach seiner Rückkehr aus Italien schrieb, meinte nicht nur Italien im Allgemeinen – es meinte auch und besonders den Gardasee, jenen Ort, wo er zum ersten Mal die Zitronen blühen sah, wo der sanfte Wind vom See wehte, wo er zum ersten Mal den Süden spürte. Der Gardasee ist Goethes Arkadien – und für alle, die ihm folgen, kann er das auch sein.